Prof. Dr. Bert Rürup, ehemaliger „Wirtschaftsweiser“, im Interview

 

Krisentalk:

Im Jahr 2012 ist der Finanzierungsbedarf der europäischen Staaten sehr hoch. Gleichzeitig überflutet die EZB die Märkte mit frischem Geld. Wird sich die Krise im laufenden Jahr wieder verschärfen?  Müssen wir langfristig mit einer Inflation rechnen? (siehe auch Die Ruhe vor dem Sturm)

Prof. Dr. Rürup:

Für mich gibt es momentan keinen Grund für die Annahme, dass die Krise sich wieder verschärfen wird. Im Gegenteil: die konjunkturelle Lage und die Erwartungen stabilisieren sich weiter, nicht nur in Deutschland, sondern auch in einer Reihe anderer Länder. In Verbindung mit den Maßnahmen, die im Zuge dieser krisenhaften Entwicklung ergriffen wurden, trägt dies dazu bei, dass das Misstrauen auf den Finanzmärkten deutlich nachlässt. Klar ist aber, dass die Staatsschuldenprobleme und die unzureichende Eigenkapitalausstattung vieler Banken uns noch einer längere Zeit beschäftigen werden.  

Ein Inflationsschub als Folge der Maßnahmen zur Bewältigung präziser Entschärfung der Staatsschulden- und Bankenkrise ist bis auf weiteres nicht zu erwarten, denn die Maßnahmen der EZB haben bislang nicht zu einem Wachstum der inflationsrelevanten Geldmenge geführt, sondern nur zu einer kräftigen Zunahme der Geldbasis. Wohl aber könnte es sein, dass wir nicht zuletzt als Folge des anhaltenden wirtschaftlichen Take Offs der Schwellenländer die etablierten Industriestaaten – via steigende Rohstoffpreise – mit einem importierten Inflationsdruck konfrontiert werden, einem geldpolitisch kaum zu lösendem Problem und welches nichts mit einer überhöhten Staatsverschuldung oder der Liquiditätsflutung der Märkte durch die ETBzu tun hat.

 

Krisentalk:

Vor jeder Wahl erklären viele Politiker im Zusammenhang mit Subventionsabbau, dass Sparen falsch wäre. Es würde den wirtschaftlichen Aufschwung gefährden. Genau das wird nun von den gleichen Politikern für Europa mit dem Fiskalpakt und für Griechenland  im Besonderen gefordert.
Wie passt das zusammen?

Prof. Dr. Rürup:

Sparen ist per se nicht „falsch“ oder „richtig“. Wenn eine Volkswirtschaft in eine Rezession rutscht, kann es sinnvoll sein, durch höhere kreditfinanzierte  Staatsausgaben die Binnennachfrage zu beleben. In allen Fällen muss aber geprüft werden, ob durch solche Massnahmen nicht die langfristige Schuldentragfähigkeit gefährdet wird.

In Griechenland – wie auch in einigen anderen europäischen Ländern - ist die Lage der öffentlichen Haushalte  extrem angespannt als Folge grober finanzpolitischer Fehler der Vergangenheit. Diese mangelnde haushaltswirtschaftliche Solidität wird nun mit ungünstigeren Finanzierungsbedingungen, das heißt höheren Zinsen für die zu begebenen Staatsanleihen bestraft. Um wieder eine nachhaltige Haushaltslage zu erreichen und die Bedingung für die Hilfspakete zu erfüllen, sind deshalb Konsolidierungsmaßnahmen unvermeidlich, obwohl dadurch das Wirtschaftswachstum (vorübergehend) verringert wird. Griechenland und Portugal stecken deshalb in einer Art Konsolidierungsrezession.

 

Krisentalk:

Was empfehlen Sie den Deutschen?  Entspannt abwarten oder Krisenvorsorge betreiben?

Prof. Dr. Rürup:

Deutschland hat ein großes Interesse an dem Fortbestand des Euro. Die Politik nutzt bei der Krisenbewältigung ihr wirtschaftliches wie politisches Gewicht, um den notwendigen Veränderungsprozess voranzutreiben. Solch eine zusammen mit Frankreich gestaltende Rolle bei der europäischen Integration sollte auch über diese Legislaturperiode hinaus von der nächsten Bundesregierung eingenommen werden.

 

Krisentalk:

Ihre langfristigen Prognosen  - Wird Griechenland 2015 noch in der Eurozone sein? Wie sieht der Euroraum im Jahr 2020 aus?

Prof. Dr. Rürup:

Ich bin der Überzeugung, dass der Euroraum – einschließlich Griechenland - auch in 10 Jahren und länger  noch existieren wird. Doch wird die EWU in 10 Jahren nicht nur – wie bisher - über eine gemeinsame Geldpolitik haben, sondern auch über eine abgestimmte Haushaltspolitik betreiben und eine gemeinsame Bankenaufsicht eingerichtet. Die Länder der Eurozone werden finanz- und wirtschaftspolitisch enger zusammengerückt sein.