Hans Werner Sinn

Hans-Werner Sinn, Chef des IFO-Instituts und wohl bekanntester Ökonom und Wirtschaftskritiker in Deutschland, erläutert im Interview wie es zu der Krise kam und wo sie uns hinführt. Bei schönstem Wetter führte Michael Krons das Interview Ende Juni im Garten des IFO-Instituts in München.

Die wichtigsten Aussagen sind sinngemäß unter dem Video in Textform  zu finden.

(Das Video stammt von YouTube und ist hier lediglich verlinkt.)

5 Jahre Finanzkrise – Warum finden die Volkswirtschaftler keine Lösung?

Wir haben natürlich Lösungen, die darin bestehen die Wahrheit auf den Tisch zu legen.  Aber die mag keiner so richtig.  Es ist ein Durchwurschteln und Verteilungskampf zwischen den Interessengruppen. Es geht darum, wer am Ende zahlt. Die schwachen Länder wollen mit dem ESM eine Bad Bank gründen, um die Last mit den starken Ländern zu teilen. Sie wollen Systeme zur Sozialisierung der Schulden in Europa schaffen.

Warum haben die Fachleute nicht vorher gewarnt?

Wir haben gewarnt. Schon damals bei der Einführung des Euros. Die Ökonomenfront war ziemlich einhellig dagegen. Ich selbst muss mich da ausnehmen. Ich war damals noch zu jung und es war auch nicht mein Thema.

Ursachen der Krise?

Durch die Zinsangleichung zwischen Nord- und Südländern und Anstieg der Löhne in den Südländern, haben sie sich der Wettbewerbsfähigkeit beraubt. Das Defizit in der Leistungsbilanz der schwachen Länder wurde bis zum Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2007 von den Kapitalmärkten finanziert. Dann wollten die Investoren nicht mehr und so kam es zur europäischen Krise.

Ärgert Sie die Ignoranz der Politik?  Was  kritisieren Sie an der Rettungspolitik?

Ich konnte mir damals gar nicht vorstellen, dass die Politiker bestehende Verträge einfach brechen (z.B. Vertrag von Maastricht). Man darf kein System bauen, was auf politische Versprechungen setzt und Verträge, die nicht eingehalten werden. Man muss das Geld knapp halten. Man kann nicht sagen: Hier ist das Geld. Wir geben euch die goldene Kreditkarte, aber Ihr dürft sie nicht nehmen. Das kann nicht funktionieren, entspricht aber der Rettungspolitik in Europa mit Fiskalpakt und den Rettungsschirmen.

Zwei verschiedene Theorien

Geld im Schaufenster Theorie

Die Finanzmärkte sind schuld und ziehen sich aus den Ländern zurück.  Die Politik glaubt dadurch, dass sie Geld ins Schaufenster legt, schöpfen die Investoren wieder Vertrauen und kommen zurück.

Fass ohne Boden Theorie

Die Länder sind schuld und sind nun nicht mehr wettbewerbsfähig. Alles Geld was man hinlegt, wird auch genommen werden. Ich glaube diese Theorie stimmt. Man kann es dadurch nachweisen, dass die Preise durch die inflationäre Überhitzung in diesen Ländern zu hoch sind.

Die Südländer müssen raus

Die Südländer stecken in der Falle. Im Euroraum werden sie es nicht schaffen. Konsequenz:  Die schwachen Länder müssen temporär aus dem Euro raus. Wenn die Reformen geschafft sind, kehren sie zum Euro zurück.

War Deutschland der große Profiteur vom Euro?

Diese These ist falsch.  Ich möchte Ihnen das belegen. Deutschland hatte lange Zeit das niedrigste Wirtschaftswachstum in Europa. Es war Flaute. Die Regierung Schröder hat wichtige und schmerzhafte Reformen angepackt und alleine dadurch steht Deutschland heute gut da.
Das Argument mit dem Exportüberschuss ist Unfug.  Frau Lagarde und andere Politiker verstehen die wirtschaftlichen Zusammenhänge überhaupt nicht.

Und die Rettungspolitik, der ESM usw.?

Keine Lösung, sondern sie verschlimmern das Problem und schieben es in die Zukunft. Schuldenschnitte bei überschuldeten Banken wären sinnvoller. Beispielsweise sollten Aktionäre von Banken für die Schulden aufkommen. Sie verlieren dadurch ihr Investment. Das ist besser, als wenn der Steuerzahler für die Schulden aufkommt.

Ist die Inflation eine Lösung?

Aktuell wird noch keine Inflation gemacht. Es ist aber zu befürchten, dass eine Inflationspolitik über die EZB durchgesetzt wird, sobald die Südländer gar nicht mehr zu Recht kommen.

Wo stehen wir in fünf Jahren?

Wenn wir in Europa den Kurs so weiter fahren, wird es noch instabiler werden. Der Vorteil für die Anleger ist, dass Deutschland 5 Jahre weiter gezahlt hat. Und dann wird der Euro zerbrechen. Das ist keine Stabilisierungsstrategie.  Ich plädiere dafür, die Länder am Rand, die da nicht hinpassen, übergangsweise aus dem Euro rauszunehmen (siehe oben).